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Forschungsseminar: ‘Dienst nach Vorschrift’ oder ‘brauchbare Illegalität?` Ethnografische Forschungswerkstatt zu Formalität und Informalität in Organisationen


Dozent/in Sophia Cramer, MA
Veranstaltungsart Hauptseminar
Code FS221510
Semester Frühjahrssemester 2022
Durchführender Fachbereich Soziologie
Studienstufe Bachelor
Termin/e Mo, 21.02.2022, 16:15 - 18:00 Uhr, Online
Mi, 16.03.2022, 12:15 - 16:00 Uhr, 3.B48
Mi, 16.03.2022, 10:15 - 12:00 Uhr, HS 12
Mi, 23.03.2022, 10:15 - 12:00 Uhr, HS 12
Mi, 23.03.2022, 12:15 - 16:00 Uhr, 3.B48
Fr, 08.04.2022, 13:15 - 17:00 Uhr, 3.B55
Sa, 09.04.2022, 10:15 - 16:00 Uhr, 3.B48
Fr, 03.06.2022, 10:15 - 17:00 Uhr, 3.B48
Umfang 2 Semesterwochenstunden
Inhalt Der Zahlungsabwickler Wirecard rechnet kreativ und fügt – lang ‚übersehen‘ von Finanzaufsichtsbehörden und einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft – seiner Bilanz 1,9 Milliarden Euro zu, die nie existiert haben; das deutsche Gesundheitsministerium lässt sich ganz ‚pragmatisch‘ bei der Vermittlung von Maskendeals von Politikern unterstützen, die ihrerseits hohe Provisionen von den beauftragten Firmen einstreichen. Beides sind skandalumwitterte Fälle der Abweichung von formalen Regeln in Organisationen. Aber auch unser Handeln in unseren alltäglichen Organisationsrollen ist von zahlreichen kleinen Regelabweichungen geprägt. Bei der verspäteten Abgabe einer Hausarbeit wird in einem Universitätsinstitut schon mal ein Auge zugedrückt oder eine freie Stelle wird zwar ausgeschrieben, ist de facto aber schon einer bereits bekannten Person zugesichert worden. Derlei informelle Regelabweichungen sind in Organisationen allgegenwärtig und keineswegs nur dysfunktional, sondern können für diese überlebenswichtig sein.

Diese und andere Formen der Informalität im organisationalen Alltag wollen wir im Zusammenspiel mit formalen Regeln in Organisationen empirisch erkunden. Dazu begeben wir uns gemeinsam auf eine ethnografische Forschungsreise und reflektieren diese entlang ihrer (zirkulären) Stationen Themenklärung, Feldzugang, Datenerhebung im Feld und Auswertung methodologisch und methodisch. Ethnografisch forschen, das heißt: sich den sozialen Praktiken eines sozialen Feldes mit ‚Haut und Haaren‘ auszusetzen, sich von ihnen eine Zeitlang treiben zu lassen und sich voll soziologischer Neugierde zu fragen: „what the hell is going on here?“ (Clifford Geertz) Die Leistung einer ethnografischen Herangehensweise ist ihr Potential, durch die teilnehmende Beobachtung des interessierenden Geschehens auch die verborgenen, vielleicht nicht gleich sichtbaren, impliziten, gegebenenfalls auch illegitimen Dimensionen und Praktiken eines sozialen Feldes, also etwa informelle Praktiken und Regelabweichungen, ‚sehen‘ und sichtbar machen zu können.

Um uns für die empirischen Untersuchungen analytisch zu ‚rüsten‘, wiederholen wir in den ersten zwei Sitzungen im März Grundlagen der Organisationssoziologie nach Niklas Luhmann (1964). Dabei fokussieren wir das Zusammenspiel formaler und informeller Erwartungen in Organisationen (z.B. Tacke 2015). Parallel zu diesem Einstieg erarbeiten die Teilnehmenden die Fälle, die sie untersuchen möchten, sowie die Frage/n, die sie inspiriert durch die theoretische Auseinandersetzung an sie haben. In der Zwischenzeit zum zweiten Block stellen sie begleitend zur vorbereitenden methodischen Lektüre zur Ethnografie erste Überlegungen dazu an, wie sie im Untersuchungsfeld ihrer Wahl Zugang bekommen, welche Forscher*innenrolle sie hier einnehmen, welche Beobachtungsstrategien sie anwenden und wie sie ihre Beobachtungen sinnvoll dokumentieren können. Diese Vorüberlegungen besprechen wir systematisch während des zweitägigen Blocks im April und vertiefen sie in gemeinsamen kollegialen Feedbackrunden. Im April und Mai haben die Teilnehmenden Gelegenheit, in Teams ihre geplanten Studien und Vorgehensweise in die Tat umzusetzen. Auf der Basis vorab einzureichender kurzer Forschungsberichte reflektieren und diskutieren wir im abschließenden Block im Juni die Ergebnisse zu den jeweiligen Untersuchungsfragen sowie die methodischen Erfahrungen bei einer ethnografischen Vorgehensweise. Forschungsberichte und Diskussionsergebnisse können – falls gewünscht – anschließend die Grundlage einer weiter auszuarbeitenden Hausarbeit sein.
E-Learning Die Vorbesprechung am 21.02. findet via Zoom statt: Zoom-Meeting beitreten
https://unilu.zoom.us/j/67345531133?pwd=b0fmrdmxexywnkrwwlzqaldvnnizdz09 Meeting-ID: 673 4553 1133
Kenncode: 655021
Voraussetzungen Idealerweise wurde bereits ein organisationssoziologisches Seminar besucht. Ist das nicht der Fall, ist die Teilnahme trotzdem möglich, die Vorkenntnisse der Teilnehmenden werden in der Vorbesprechung geklärt und die Lektüre ggf. entsprechend angepasst.
Sprache Deutsch
Leistungsnachweis Aktive Teilnahme: Für jeden Block fallen andere Formen der aktiven Teilnahme an, die dem jeweiligen Stand des Forschungsprozesses entsprechen: Definitionen zentraler Begriffe der theoretischen Lektüre, methodische Überlegungen zur Vorgehensweise, Beobachtungsprotokoll und kurzer Forschungsbericht.
Abschlussform / Credits Aktive Teilnahme (Details siehe 'Prüfung') / 4 Credits
Hinweise - Die Teilnahme an der Vorbesprechung ist obligatorisch.
- Die beiden Märztermine werden je nach Raumverfügbarkeit und terminlichen Möglichkeiten der Teilnehmenden entweder bis 18 Uhr gehen oder bereits um 10 Uhr beginnen
Kontakt sophia.cramer@uni-tuebingen.de
Material Die zu lesenden Texte werden in der Vorbesprechung bekannt gegeben und über OLAT zugänglich gemacht.
Literatur Ammann, Klaus/Hirschauer, Stefan 1997: Die Befremdung der eigenen Kultur. Zur ethnografischen Herausforderung soziologischer Empirie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

Bensman, Joseph/Gerver, Israel 1973: Vergehen und Bestrafung in der Fabrik. In: Steinert, Heinz (Hrsg.). Symbolische Interaktion. Arbeiten zu einer reflexiven Soziologie, Stuttgart: Klett, S. 126–138.

Breidenstein, Georg; Hirschauer, Stefan; Kalthoff, Herbert; Nieswand, Boris 2020: Ethnografie. Die Praxis der Feldforschung. 2. Auflage. Konstanz/München: UVK

Kühl, Stefan 2011: Organisationen. Eine sehr kurze Einführung. Wiesbaden: VS Verlag/Springer.

Luhmann, Niklas 1999 [1964]: Funktionen und Folgen formaler Organisation. 5. Auflage. Berlin: Duncker & Humblodt GmbH.

Tacke, Veronika 2015: Formalität und Informalität. Zu einer klassischen Unterscheidung der Organisationssoziologie. In: Groddeck, Victoria v./Wilz, Sylvia M. (Hrsg.): Formalität und Informalität in Organisationen. Wiesbaden: Springer VS, S. 37–92.