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Genderpolitik. Der öffentliche Diskurs über das binäre Geschlechtermodell


Dozent/in Dr. phil. Adrian Itschert
Veranstaltungsart Kolloquialvorlesung
Code FS261495
Semester Frühjahrssemester 2026
Durchführender Fachbereich Soziologie
Studienstufe Bachelor
Termin/e wöchentlich (Do), ab 19.02.2026, 12:15 - 14:00 Uhr, E.508
Umfang 2 Semesterwochenstunden
Inhalt Seit dem 18. Jahrhundert wird das Modell, nach dem es nur zwei biologisch begründete Geschlechter geben soll, die sich wechselseitig zu begehren haben und bei der der Mann die privilegierte Position einnimmt, in verschiedenen Diskursen hinterfragt. Wurde zunächst vor allem die Natürlichkeit der Geschlechter und die Überlegenheit des Mannes problematisiert, so wurde in der Folge die Heteronormativität des Begehrens, aber auch die Binarität des Geschlechtermodelles angegriffen. Die jeweils arrivierten Teile der politischen Bewegung haben die Newcomer oft als Bedrohung wahrgenommen. In der Frauenbewegung fürchtete man, dass eine zu grosse Prominenz der Lesbenbewegung zur Demobilisierung heterosexueller Frauen führen könnte. Die Lesbenbewegung reagierte in Teilen negativ auf die Transsexuellenbewegung, was auch daran gelegen haben könnte, dass den Transfrauen in den für Geschlechtsangleichungen zuständigen Instituten eher konservative Modelle des Frauseins vorgestellt wurden.
All diese Kämpfe haben Ihre Spuren im Diskurs hinterlassen: Heute prägen diese Spuren immer noch Konflikte im Genderdiskurs, obwohl ihr Ursprungskontext gerade in den digitalen Foren nur sehr selektiv miterinnert wird. Das hat dazu geführt, dass es zu einer Vielzahl ungewöhnlicher Diskursgemeinschaften gekommen ist. Biologen, die vehement für das binäre Geschlechtermodell eintreten, suchen nach Verbündeten unter den Transpersonen, in dem sie zu beweisen versuchen, dass einige Transfrauen über weibliche Gehirne verfügen, also auch biologisch beglaubigt Anspruch auf eine Geschlechtsangleichung fordern können. Das binäre Geschlechtermodell wird aber auch von Teilen der Homosexuellenbewegung übernommen, da die Entpathologisierung des Geschlechterwandels homosexuellen Jugendlichen einen vermeintlichen Ausweg aus der Repression einer zwangsheterosexuellen Gesellschaft biete. Gerade feministische Frauen warnen davor, allen Männern den Zugang zu weiblichen Schutzzonen zu gewähren, nur weil sich diese in staatlichen Institutionen zu Frauen erklären haben. Wir werden uns mit der Unübersichtlichkeit und Unvorhersehbarkeit dieser diskursiven Dynamiken beschäftigen.
Schlagworte Gender/Diversity
Sprache Deutsch
Abschlussform / Credits Benotete Prüfung / 3 Credits
Kontakt adrian.itschert@unilu.ch
Literatur Judith Butler (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Lisa Duggan (2002): The New Homonormativity. The Sexual Politics of Neoliberalism. In: Russ Catronova and Dana D. Nelson (hrsg.): Materializing Democracy. Toward a Revitalized Cultural Politics. London: Duke University Press

Stefan Hirschauer (1993): Die Konstruktion der Transsexualität. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Anne Fausto Sterling (2000): Sexing the body. Gender politics and the sexing of the body. New York: Basic books