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Family Matters. Zur Therapeutisierung familiärer Beziehungen im 20. Jahrhundert


Dozent/in Dr. phil. Nora Binder
Veranstaltungsart Hauptseminar
Code FS261599
Semester Frühjahrssemester 2026
Durchführender Fachbereich Wissenschaftsforschung
Studienstufe Bachelor Master
Termin/e Do, 19.02.2026, 12:15 - 14:00 Uhr, 3.B47
Do, 26.02.2026, 12:15 - 14:00 Uhr, 3.B47
Do, 05.03.2026, 12:15 - 14:00 Uhr, 3.B47
Do, 12.03.2026, 12:15 - 14:00 Uhr, 3.B47
Do, 19.03.2026, 12:15 - 14:00 Uhr, 3.B47
Do, 26.03.2026, 12:15 - 14:00 Uhr, 3.B47
Do, 02.04.2026, 12:15 - 14:00 Uhr, 3.B47
Do, 16.04.2026, 12:15 - 14:00 Uhr, 4.B01
Do, 23.04.2026, 12:15 - 14:00 Uhr, 3.B47
Do, 30.04.2026, 12:15 - 14:00 Uhr, 3.B47
Do, 07.05.2026, 12:15 - 14:00 Uhr, 3.B47
Do, 21.05.2026, 12:15 - 14:00 Uhr, 3.B47
Do, 28.05.2026, 12:15 - 14:00 Uhr, 3.B47
Umfang 2 Semesterwochenstunden
Turnus Wöchentlich
Inhalt Dass wir heute wie selbstverständlich auf vielfältige psychotherapeutische Beratungs- und Behandlungsangebote zurückgreifen, wenn es um Eheprobleme, Konflikte zwischen Geschwistern, zwischen Eltern und Kindern oder um allgemeine Erziehungsfragen geht, verdankt sich einer noch jungen Entwicklung. Was gegenwärtig zum grundlegenden Repertoire einer umfassenden Therapeutisierung der Familie gehört, nimmt seinen Anfang in den 1960er Jahren: Mit dem generellen „Psychoboom“ ab Ende der 1960er Jahre rückt zunehmend auch jene soziale Institution in den Blick, die angesichts der damaligen gesellschaftlichen Liberalisierungsprozesse ausgedient zu haben schien: die Familie. Therapeutische Ansätze, Erziehungs- und Eheberatungen spezialisieren sich seither auf die Behandlung des „Patienten Familie“; gleichzeitig prägen psychologisches Wissen und therapeutische Praktiken immer stärker das Zusammenleben im Familienverbund und in der Erziehung der Kinder. Die frühe Familientherapie verfolgt dabei einen pragmatischen Ansatz: Verstanden als Kommunikationssystem, galt es, die Strukturen innerhalb der Familie zu beobachten und bei Bedarf zu modifizieren. Familien sollten in die Lage versetzt werden, sich dem raschen gesellschaftlichen Wandel der Zeit anzupassen und so den Fortbestand der Institution Familie zu garantieren. Denn selbstverständlich stand die einzelne Familie nicht für sich, sondern galt als Fundament der Nation, an dem sich der Zustand der Gesellschaft vermeintlich ablesen und verändern liess.

In unserem Kurs beschäftigen wir uns mit dieser bis heute äusserst wirkmächtigen Geschichte der „Therapeutisierung“ von Familie. Ausgehend von der Grossen Erzählung der freud´schen Psychoanalyse als „Familienerzählung“, die grundlegende Vorstellungen von familialen Geschlechterrollen, Beziehungsmodi, emotionalen Verhältnissen, Konflikt- und Lösungsmustern etabliert hat, richten wir sodann unseren Blick auf die seit den 1960er Jahren entstehenden therapeutischen Ansätze. Während die Freud’sche Psychoanalyse das Individuuum zu Anfang des 20. Jahrhunderts zwar nachhaltig in seine „Familiengeschichte“ eingeschrieben hatte, aber ihre Aufmerksamkeit gleichzeitig auf das einzelne Individuum richtete, fokussierte etwa die Familientherapie zunehmend das „System“ Familie: dessen Familienneurosen, Kommunikationsgewohnheiten, innerfamiliären Beziehungsgeflechte und Konfliktmechanismen. Therapeutische Beratungsansätze suchten Familienmitglieder dazu anzuleiten, an ihrer generellen „Beziehungsfähigkeit“ zu arbeiten und Verantwortung für die Gestaltung innerfamiliärer Beziehungen zu übernehmen; Überaus erfolgreiche Erziehungsratgeber – etwas Gordons „Familienkonferenz“ – entwarfen praktische Modelle stärker partizipativer und symmetrischer Beziehungsmodi in Familien.

Während wir im Kurs das moderne Familiennarrativ rekonstruieren, konzentrieren wir uns auf den Beitrag des therapeutischen Wissens zur gegenwärtigen affektiven und politischen Ökonomie der Familie. Eine solche historische Situierung des modernen Familienverständnisses erweist sich nicht zuletzt angesichts der Neuverhandlung von Familie und Geschlechterverhältnissen als unabdingbar, um sich mit gegenwärtigen Familienbildern kritisch auseinandersetzen und sie weiterdenken zu können.
Lernziele Das Seminar führt in die Wissensgeschichte der Therapeutisierung familiärer Beziehungen ein. Es leitet die Studierenden dazu an, die gegenwärtig geführten Debatten um Familienbilder und Geschlechterrollen inklusive der mit ihr verbundenen Wissens- und Interventionsfelder vor dem Hintergrund des therapeutischen Beratungs- und Behandlungswissens rund um die soziale Institution «Familie» im 20. Jahrhundert zu betrachten und kritisch zu diskutieren.
Voraussetzungen Regelmäßige Teilnahme & Mitarbeit, Impulsreferat & Essay. Bei besonderen Bedarfen Ihrerseits wenden Sie sich gerne vorab an mich unter nora.binder@uni-konstanz.de.
Sprache Deutsch
Abschlussform / Credits Aktive Teilnahme (Referat, Essay) / 4 Credits
Hinweise Das Seminar zählt zu den Bereichen Praktiken, Konezpte.
Hörer-/innen Nach Vereinbarung
Kontakt nora.binder@doz.unilu.ch
nora.binder@uni-konstanz.de
Literatur Jens Elberfeld. 2020. Anleitung zur Selbstregulation. Eine Wissensgeschichte der Therapeutisierung im 20. Jahrhundert. Campus.

Eva Illouz. 2011. Die Errettung der modernen Seele. Suhrkamp.

Nikolas Rose. 1990. Governing the soul: The shaping of the private self. Taylor & Frances/Routledge.