| Inhalt |
Das Nicht-Verstehen des Fremden in deutschsprachigen Reiseberichten Reiseberichte prägen in Form von Briefen, Journalen oder Tagebüchern das kollektive Wahrnehmungsbild fremder Völker, Landschaften, Kulturen und Religionen. Sie gelten als wichtige Quelle, um zu verstehen, wie das Fremde jeweils erfahren und angeeignet wird. Ausgeblendet bleiben dabei gerne die in Reisenberichten überaus häufig geschilderten negativen Erlebnisse, die oft auch davon zeugen, dass ein Verstehen nicht gelang. Denn es gibt zahlreiche Phänomene, die sich aufgrund sprachlicher, historischer und kultureller Differenzen nicht umstandslos in eigene Kategorien übersetzen lassen. Was als fremd erfahren und definiert wird, hängt vom Horizont des Verstehens ab und damit von der Vormeinung und dem Wissensstand der eigenen Kultur. Die Wahrnehmung des anderen Landes ist schon vorselektiert. An ausgewählten historischen wie aktuellen Beispielen sollen im Seminar ungeschminkte Berichte über andere Länder und Kulturen exemplarisch analysiert und im Hinblick auf die Differenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden untersucht werden. Ferner sollen einschlägige Fremdheitskonzepte (Homi Bhabha, Edward Said, Stephen Greenblatt, Sigmund Freud, Bernhard Waldenfels) besprochen werden. Ziel ist es, zu überprüfen, wo und wie in Reiseberichten die Grenzen des Verständnisses für das Fremde gezogen wurden und ab wann genau das Verstehen scheiterte. Eine Frage wird dabei sein, ob die Grenzen des Verstehens nicht zugleich Möglichkeiten eröffnen, mit kulturellen Differenzen positiv umzugehen, etwa wenn Fremdheitserfahrungen als ästhetische Erfahrungen konzipiert werden.
|