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Ethnografien der Fürsorge (Care)


Dozent/in Jürg Bühler, MA
Veranstaltungsart Proseminar
Code HS261490
Semester Herbstsemester 2026
Durchführender Fachbereich Ethnologie
Studienstufe Bachelor
Termin/e wöchentlich (Mi), ab 16.09.2026, 10:15 - 12:00 Uhr, 4.B54
Umfang 2 Semesterwochenstunden
Turnus wöchentlich
Inhalt Das Begriffspaar Fürsorge/Care hat in den letzten Jahrzehnten einen bemerkenswerten Aufstieg erfahren. Trotz oder gerade wegen seiner Bedeutungsoffenheit konnte es sich weit über den akademischen Diskurs hinaus als Schlüsselbegriff etablieren. Fürsorge/Care wird seither als besonderer Bereich menschlicher Tätigkeit, als eine moralische Einstellung und auch als affektive Disposition erforscht, theoretisiert und diskutiert. Obwohl sich über Fachgrenzen hinweg gemeinsame Linien erkennen lassen, beleuchtet jede Disziplin Fürsorge aus einer eigenen Perspektive und stellt dabei jeweils spezifische Fragen. Auch ausserhalb der Universitäten, in den Medien, der Politik und in aktivistischen Bewegungen wurde Fürsorge/Care zu einem zentralen Begriff: Zeitungen schreiben etwa vermehrt über die Verteilung von Hausarbeit in Familien und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, 2021 wurde in der Schweiz auf nationaler Ebene die Pflegeinitiative angenommen und das feministische Streikkollektiv hat für den 14. Juni 2027 einen überregionalen „Care-Streik“ angekündigt.

Wenngleich in der interdisziplinären Diskussion über Fürsorge die einflussreichsten wissenschaftlichen Beiträge meist aus anderen Disziplinen stammen, hat die Ethnologie das Verständnis von Fürsorge dennoch bedeutend erweitert. Ethnografische Feldforschung eignet sich besonders gut, um die Komplexität, Ambiguität und Spezifität von Fürsorge/Care zu verstehen, und bereichert damit die wissenschaftlichen wie auch die politischen Debatten. Ethnografische Studien haben nicht zuletzt die Vielfalt der Formen aufgezeigt, die Fürsorge/Care annehmen kann. So wurde dokumentiert, wie die Organisation von Fürsorge gleichermassen von staatlichen Institutionen wie auch von globalen Märkten geprägt wird. Fürsorgepraktiken und -beziehungen sind stets in politische, ökonomische, moralische und kulturelle Zusammenhänge eingebettet und müssen deshalb immer in ihrem jeweiligen Kontext betrachtet werden. Zugleich ist Fürsorge von normativen Vorstellungen durchdrungen, die im Alltag jedoch häufig in Frage gestellt werden und neu ausgehandelt werden müssen.

Der Fokus auf Care hat aber auch die Ethnologie selbst geprägt. Bisher wenig beachtete Personengruppen, Lebensbereiche und Beziehungen sind in den Vordergrund getreten, neue Beschreibungen von Gemeinschaften und sozialen Dynamiken sind entstanden, und klassische Kernthemen der Ethnologie haben neue Impulse erhalten. Schliesslich wurde auch die Forderung laut, ethnologische Forschung selbst als fürsorgliche Praxis zu begreifen. In diesem Seminar lesen wir ethnografische Studien, die sowohl den Beitrag der Ethnologie zum Verständnis von Fürsorge/Care als auch von Fürsorge/Care zur Ethnologie selbst beleuchten.
Schlagworte Gender/Diversity
Sprache Deutsch
Anmeldung ***Wichtig*** Um Credits zu erwerben ist eine Anmeldung zur Lehrveranstaltung über das UniPortal zwingend erforderlich. Die Anmeldung ist ab zwei Wochen vor bis zwei Wochen nach Beginn des Semesters möglich. Die genauen Anmeldedaten finden Sie hier: www.unilu.ch/ksf/semesterdaten
Abschlussform / Credits Aktive Teilnahme / 4 Credits
Hörer-/innen Ja
Kontakt juerg.buehler@unilu.ch
Literatur McKearney, Patrick, and Megha Amrith. (2021) 2023. “Care”.
In The Open Encyclopedia of Anthropology, edited by Felix Stein. 15. April 2026. http://doi.org/10.29164/21care.