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Im neunzehnten Jahrhundert entwickelte sich in Europa die literarische Gattungsform des Bildungsromans. Schriftsteller wie Keller, Flaubert, Spyri, Turgenev und Dickens behandelten in ihren Werken die «Lehr- und Wanderjahre» einer jungen Person, die die Welt und sich selbst erfährt, sich emotional und intellektuell entfaltet, allein in die Grossstadt zieht und die neuen Freiheiten erprobt, die durch Säkularisierung, Urbanisierung und die Auflösung der Ständegesellschaft erstmals in der europäischen Geschichte möglich wurden.
Auch im jüdischen Kontext zählt der Bildungsroman zu den wichtigsten kulturellen Erscheinungen an der Schwelle zur Moderne. Er wird zu einer zentralen Gattungsform der reichen jiddischen Literatur Mittel- und Osteuropas im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert.
Das Hauptseminar untersucht jiddische Bildungsromane von den 1880er Jahren bis in die 1930er Jahre. Durch die Lektüre und Analyse dieser Werke wird beobachtet, wie junge Protagonisten das Leben im traditionellen jüdischen Schtetl hinter sich lassen und allein in die Grossstadt (sei es Kiew, Leipzig oder Warschau) ziehen, wo sie ihren eigenen Weg suchen und sich mit Fragen von Bildung und Moderne, Identität und Zugehörigkeit sowie Freiheit und Liebe auseinandersetzen.
Im Mittelpunkt stehen Werke von Sholem Yankev Abramovitsh (Dos vintshfingerl, 1888), Israel Johoshua Singer (Shtol un ayzn, 1927), Yehoshua Perle (Yidn fun a gants yor, 1935) und David Bergelson (Bam Dnyeper, 1932–1940).
Im Seminar wird diskutiert, wie solche Romane sowohl universelle Fragen des Erwachsenwerdens als auch spezifisch jüdische Themen verhandeln: das Leben als diasporische ethnoreligiöse Gruppe, Säkularisierung sowie interethnische Konflikte im Kontext von Klassenverhältnissen, aufkommenden Nationalstaaten und zerfallenden Imperien.
Analysiert wird zudem, wie diese Werke die Entwicklung des Genres widerspiegeln: von der jüdischen Aufklärung im zaristischen Russland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über den Realismus im Polen der Zwischenkriegszeit bis hin zur sozialistischen Literatur der Sowjetunion. So wird sichtbar, wie jiddische Bildungsromane als literarischer Resonanzraum für die sozialen und kulturellen Umbrüche des jüdischen Lebens in Osteuropa fungieren.
Aktive Teilnahme an Diskussionen sowie die regelmässige Lektüre ausgewählter Romanabschnitte und begleitender Texte werden erwartet. Darüber hinaus sind kleinere schriftliche Aufgaben im Seminar vorgesehen.
Die Texte werden in Übersetzung bereitgestellt. Studierende aus allen Fachrichtungen sind willkommen.
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